Mit der Entstehung von Pegida, AfD und Co. ist das Klima rauer geworden in Sachsen. Das spüren Menschen mit ausländischen Wurzeln – aber auch Engagierte in der Arbeit mit Migranten und der Entwicklungspolitik. Und versuchen, etwas dagegen zu tun.

Vor älteren Menschen hat man Respekt. So hat es G. Palacios in seiner Kultur gelernt. Und deshalb erwischte es ihn noch kälter, als jene alte und gut angezogene Dame mitten in Dresden vor ihm ausspuckte und sagte: „Geh dahin zurück, wo du hergekommen bist“. Es hat sich etwas  verändert in Sachsen seit der Entstehung von Pegida, AfD und Co., beobachtet Palacios.

Er wohnt seit zehn Jahren hier. Und er will nicht verallgemeinern, will nicht die selben Fehler machen wie die Hetzer.

Doch der aus Honduras stammende Mitarbeiter des Studienbegleitprogramms beim Ökumenischen Informationszentrum Dresden, das Angebote für ausländische Studierende macht, spürt den gesellschaftlichen Klimawandel immer wieder. An der Haltestelle, wenn er merkt, dass eine junge Frau vor ihm Angst hat. In der Straßenbahn, wenn Menschen ihre Taschen bei seinem Anblick fester umklammern. Bei den vielen Beleidigungen auf der Straße, die mal mehr und mal weniger werden. Nach den Aufwallungen in Chemnitz wieder mehr. Zwei Mal wurde der studierte Stadtplaner seitdem wieder aus einem Auto angeschrien. „Geh nach Hause!“, rief ihm ein älterer Mann zu. Er fragt sich: Woher kommt diese Unzufriedenheit und dieser Hass in diesem schönen und wohlhabenden Land?

„Vielleicht liegt es daran, dass viele in unserer Region denken, dass sie immer vergessen wurden“, überlegt Birgit Mädler, die als Eine Welt-Promotorin beim Aktion Eine Welt e. V.  Aue im Erzgebirge unterwegs ist. „Viele fühlen sich seit langem benachteiligt – sie denken, da sollen jetzt nicht die Ausländer kommen und ihnen etwas wegnehmen. Die Grundeinstellung, dass es allen Menschen gut gehen soll, ist verloren gegangen.“

Und weil es im Erzgebirge so wie in den meisten anderen Gegenden Sachsens nur sehr wenige Menschen mit ausländischen Wurzeln gibt, werden diese Ängste um so größer. Und auch die Vorurteile. „Auf die Furcht vor dem Ungewissen und Fremden kann die AfD bauen“, sagt Birgit Mädler.

Die wendet auch auch gegen jene Einheimischen, die Flüchtlingen helfen. „Ehrenamtliche Mitarbeiter erzählen mir, dass sie sich in ihren Kollegen-, Familien- und Freundeskreisen rechtfertigen müssen und sich total eingeschränkt fühlen“, berichtet Kristin Scharschmidt, die in der Dresdner Migrationsberatungsstelle Cabana Engagierte begleitet. „Das geht bis in bürgerliche und akademische Kreise.  Und viele sind schockiert über langjährige Freunde. Seit Pegida fallen da die Hemmungen.“

CABANA bietet deshalb den einheimischen Ehrenamtlichen Workshops über die Neue Rechte und zu Argumentationshilfen im Gespräch mit rassistischen und rechtsextremen Meinungen an – und für die Ehrenamtlichen mit Migrationshintergrund eine Veranstaltung zum Umgang mit Rassismus in der Nachbarschaft. Bisher, sagt Kristin Scharschmidt, habe noch niemand von ihnen sein Engagement deshalb aufgegeben.

Doch auch die Mitarbeiter in Eine-Welt-Projekten beginnen den Druck zu spüren. Anayanci Chacon  zum Beispiel, die beim Entwicklungspolitischen Netzwerk Sachsen (ENS) Migranten für die politische Bildungsarbeit qualifiziert. Bei der letzen Ausschreibung ihrer Fortbildungsreihe erreichte sie eine aggressive Nachfrage, warum diese nur für Ausländer angeboten werden. „Da hatte ich Angst, unsere Adresse herauszugeben“, sagt die aus Nicaragua stammende Projektkoordinatorin.  Als sie einmal mit ihrem Mann und ihrem Baby in der Innenstadt an einer Haltestelle stand, habe ein alter Mann in ihren Kinderwagen  geschaut und gesagt: „Und nächstes Jahr noch so ein Tier“. Anayanci Chacon kann das nicht vergessen. „Ich fühle mich noch wohl in Leipzig“, sagt sie. „Aber die Angriffe haben zugenommen.“

Dabei ist ihre Arbeit auch eine Antwort auf den Hass und die Vorurteile: Menschen mit ausländischen Wurzeln mit Einheimischen zusammenzubringen. Auch Birgit Mädler im Erzgebirge glaubt daran, dass sich auf diese Weise in den Köpfen etwas bewegen lässt. Als sie mit einer aus Namibia stammenden Frau ein Fest in einem Kindergarten in einem Dorf gestaltete, tanzten am Ende auch Eltern mit. „Es muss wirklich in die Herzen hinein“, sagt die Eine Welt-Promotorin aus Aue.

Es gab eine Zeit, da wollte G. Palacios Dresden und Sachsen verlassen. Fliehen vor den Hassenden und Schimpfenden. „Doch dann habe ich gedacht: Das ist genau das, was sie wollen – dann haben die gewonnen.“  Er entschied sich zu bleiben. Freiwillig. Weil er in Dresden und Sachsen auch viele gute Menschen kennen gelernt hat. Und weil er eine Verantwortung spürt: „Wahrscheinlich fehlt es an Begegnungen und Dialog.“ Deshalb organisiert er Treffen zwischen ausländischen Studierenden und Einheimischen. Er will der Angst und der Wut nicht das letzte Wort überlassen.

 

Andreas Roth

 

Foto: Kalispera Dellhttps://www.panoramio.com/photo/116139756 CC BY 3.0